Die Ausstellungstafeln

1339

Erste Spuren Jüdischen Lebens

1639

Erste Erwähnung eines Schweicher Juden in Kurfürstlicher Zeit

1794

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - Die Französische Zeit

19./20. Jahrhundert I

Die Schweicher Synagogen

19./20. Jahrhundert II

Die jüdische Privatschule

1776 bis 1938

Der Jüdische Friedhof in Schweich

1639 bis 1941

Sie waren unsere Nachbarn

1989

Einweihung der restaurierten Synagoge am 3. September 1989
Begegnung und Erinnerung

Video

Zeitzeugenprojekt
"Das waren doch Schweicher Bürger ..."

Leiwen

Jüdisches Leben in Leiwen

Klüsserath

Jüdisches Leben in Klüsserath

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Grußwort von Prof. Dr. Reinhold Bohlen

Grußwort des Bischöflichen Beauftragten für den christlich-jüdischen Dialog im Bistum Trier, Domkapitular Prof. Dr. Reinhold Bohlen, anlässlich der Eröffnung der Ausstellung "Jüdisches Leben in und um Schweich (1339-1941)" am 24.01.2010, 11.00 Uhr, in der Kulturstätte Synagoge Schweich

Prof. Dr. Reinhold Bohlen bei seiner Rede

Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren.
Als der Trierer Oberrabbiner Joseph Kahn im August des Jahres 1867 zur Kur in Bad Ems weilte, übrigens 15 Jahre, nachdem er diese Synagoge in Schweich eingeweiht hatte, griff er - wie es ihm schon früher zur lieben Gewohnheit geworden war - zur Feder, um in der Zeitschrift Ben Chananja "Kahns Bade- und Reiseberichte" fortzusetzen. Diesmal konnte er von der Einweihung der Synagoge im Moselort Lösnich berichten, wo die aus nur 8 Mitgliedern bestehende Gemeinde unter großer Opferbereitschaft "das neue recht anständige Gotteshaus" (so der Rabbiner wörtlich) erbaut hatte. Kahns Berichterstattung über dieses Ereignis lässt uns aufmerken: "Am Freitag Nachmittag, nachdem ich einen kurzen Abschiedsvortrag in dem alten Betlokale gehalten hatte, bewegte sich der herrliche Zug unter schöner Musik in die neue Synagoge. Eine große Menge Israeliten aus anderen Gemeinden und eine noch größere von Christen des Ortes und der Umgegend waren anwesend.
Nachdem von zwei Mädchen passende Gedichte gesprochen und mir der Schlüssel überreicht wurde, gab ich denselben dem christlichen Ortsvorsteher mit dem Ersuchen, die Thüre zu öffnen und die Synagoge nach den Gesetzen zu schützen." Weiter führt Kahn aus: "Beim Sabbath-Morgengottesdienst sprach ich über das "Schema" und belehrte die große Versammlung, auch sehr viele Christen waren nochmals zugegen, über den großen und völligen Inhalt unseres Bekenntnisses. Das ganze Fest war in jeder Beziehung ein sehr schönes und hatte gewiß die beste Wirkung auf alle Anwesenden der verschiedenen Konfessionen, zur Heiligung des Namens Gottes". Oberrabbiner Kahn schließt: "Aus innigen Herzen danke ich Gott, dass er mir die große Wohltat erwiesen hat, mit dieser neuen Synagoge die 29. in meinem Rabbinatssprengel zu besitzen, die ich fast alle selbst eingeweiht habe. Außerdem sind noch mehrere in anderen Gemeinden bedeutend restauriert (!) worden und noch einige im Bau begriffen."

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
Diese Worte aus dem Jahre 1867 eröffnen einen erstaunlichen Einblick in die Blütezeit des Landjudentums in unserer Region; gewiss eine Momentaufnahme, gemessen an der Jahrhunderte währenden, wechselvollen und tragischen Geschichte des Judentums in den Mosellanden. Doch diese Worte dokumentieren das neue, sich auch nach außen darstellen wollende Selbstbewusstsein der jüdischen Gemeinden in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Zeilen belegen die selbstverständliche und frohe Anteilnahme der christlichen Bevölkerung an den Festtagen ihrer jüdischen Mitbürger, und sie bezeugen die geistige Weite eines jüdischen Denkens, das auch durch die Anwesenheit der verschiedenen Konfessionen beim Fest den Namen Gottes geheiligt sieht. Wir wissen, meine Damen und Herren, dass der beschriebene Verlauf der Feier in Lösnich und die gegenseitige Achtung der Religion zu dieser Zeit kein Einzelfall gewesen ist. So erinnert sich der 1815 in Thalfang geborene und dort aufgewachsene Samuel Hirsch, später führender Reform-Rabbiner in den USA, dass es für Juden und die mehrheitlich evangelischen Christen Thalfangs selbstverständlich war, an hohen Feiertagen wechselseitig die Kirche bzw. die Synagoge zu besuchen. Und auch in dem Bericht "Aus dem Regierungsbezirk Trier" in einer Ausgabe der Allgemeinen Zeitung des Judenthums von 1852, der von den Synagogeneinweihungen zu Bernkastel und der hiesigen in Schweich handelt, heißt es: "Die Feierlichkeiten bei Beiden fanden unter großer Betheiligung vieler Israeliten von nah und fern und vieler Christen statt." Nicht ohne innere Bewegung lesen wir weiter: "Beide Synagogen sind schöne, geräumige Gebäude und läßt die zu Schweich nichts zu wünschen übrig". Und auch hier wiederum als Feststellung: "So viel nur noch, dass diese Feierlichkeiten im Allgemeinen und die Predigten des Oberrabbiners Kahn auf Juden und Nicht-Juden den besten Einfluß ausüben, hierdurch Juden und Judenthum gehoben wurden und einen ~Xh Xwdq verursachten", also die Heiligung des Namens (Gottes). Es tut gut und ist richtig, dass Ausstellungen wie die heute hier eröffnete und deren Begleitprogramm unsere Blicke auf die Orts- und Regionalgeschichte lenken. Denn da bildet sich, im Leben überschaubarer Gemeinschaften, ja im Leben von Familien und Nachbarschaften das historische Miteinander, das Nebeneinander und leider auch das Gegeneinander ab - je nach Zeit und Umständen. So wird Geschichte konkret und rührt an. Daher danke ich - soweit es mir zukommt - allen herzlich und aufrichtig, die dieses Projekt initiiert, konzipiert, gefördert und realisiert haben und wünsche eine breite Akzeptanz. Durch das schreckliche Geschehen der Schoa ist uns oft der Blick auf jene Fenster der Zeitgeschichte verstellt, die ermutigen und von einem menschlichen Miteinander künden. Aber niemandem von uns ist es verwehrt, sich davon anregen, ja begeistern zu lassen. Ich danke meinen Freunden Benz Botmann und Gerd Voremberg aufrichtig dafür, dass die Jüdische Kultusgemeinde Trier dazu immer wieder mit offenen Armen ermutigt!

Sehr geehrte Damen und Herren,
beim Betreten dieser Synagoge sind wir alle - vielleicht unbemerkt - unter dem Eingangsspruch aus dem biblischen Psalter hindurchgegangen, der in seinem letzten Stichos lautet: "Wir segnen euch vom Hause des Herrn aus." Diejenigen, die einst diesen Segenswunsch für alle, die diese Synagoge betreten, ausgewählt haben, leben heute nicht mehr. Das von ihnen erbaute Haus dient nicht mehr als Gebets- und Versammlungsort einer jüdischen Gemeinde. Aber ihr Wunsch hat die Zeiten überdauert und gilt weiterhin, heute uns: "Wir segnen euch vom Hause des Herrn aus". - Segen kann wandeln! trennlinie - toplink

Festrede von Frau Präsidentin Knobloch

Festrede anlässlich der Eröffnung der Gedächtnisausstellung zum Yom Ha Shoa in der Synagoge in Schweich am 24.1.2010

Frau Dr. h.c. Charlotte Knobloch bei ihrer Rede

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Rößler,
sehr geehrter Herr Verbandsbürgermeister Biwer,
sehr geehrter Herr Kaster.

Ich begrüße Herrn Dechant Fochs, der dieses Projekt durch das Engagement seiner Mitarbeiter und den unermüdlichen Einsatz vieler ehrenamtlicher Helfer realisiert hat ebenso wie Herrn Prof. Dr. Reinhold Bohlen, den Bischöflichen Beauftragten für den christlich-jüdischen Dialog.

Sehr geehrter Kollege, Herr Vorsitzender Benz Botmann von der Jüdischen Kultusgemeinde Trier, meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Gäste,
vielen Dank für die freundlichen Begrüßungsworte! Auch von mir einen herzlichen Willkommensgruß an Sie alle hier im Kulturzentrum Alte Synagoge! Ich freue mich sehr, heute mit Ihnen gemeinsam die Ausstellung zur Geschichte jüdischen Lebens in Schweich zu eröffnen! Als mich Peter Szemere im Oktober vergangenen Jahres zur Einweihung der Gedächtnisausstellung einlud und mir von dem breiten Engagement hier in der Stadt berichtete, habe ich mit der Zusage nicht lange gezögert. Hier in Schweich ist in den zurückliegenden Jahren Vorbildliches in Sachen Bekämpfung des Rechtsextremismus, aber auch im Hinblick auf das Gedenken an den Holocaust geleistet worden. Mit meinem Besuch möchte ich zusätzliche Aufmerksamkeit auf diese lobenswerte Arbeit lenken und allen Beteiligten auch im Namen des Zentralrats der Juden in Deutschland für Ihren Einsatz danken. Kurzum: Es war mir ein wirkliches Anliegen - gerade auch anlässlich des Gedenkens an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz- hierher nach Schweich zu kommen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
die vielen Aktivitäten im Bereich der Jugendarbeit, des interreligiösen Dialogs und der Erinnerungsarbeit, die die Verbandsgemeinde Schweich unternommen hat, sind herausragend. Mich freut besonders, dass diese Bemühungen so vieler Schweicher Bürgerinnen und Bürger aller Altersgruppen auch überregional wahrgenommen wurden. Die Auszeichnung Schweichs als "Ort der Vielfalt" durch die Bundesregierung spricht für sich. Die Vertreter der Verbandsgemeinde haben unter Beweis gestellt, dass sie es nicht bei Worten und klugen Konzepten belassen wollten. Kinder und Jugendliche gegen rechte, extremistische Ideologien immunisieren, das ist das erklärte Ziel, das nun schon seit vielen Jahren angestrebt wird. Um Toleranz, Mitmenschlichkeit und demokratisches Bewusstsein zu stärken, wurden konkrete Schritte eingeleitet. Die Verbesserung der Jugendarbeit oder die Pflege der Synagoge und des jüdischen Friedhofs als Gedenkstätte sind nur zwei Beispiele von vielen.
Die hier im Kulturzentrum Alte Synagoge zusammengestellte Ausstellung erscheint mir vor diesem Hintergrund wie eine Krönung aller Anstrengungen. In inhaltlicher Hinsicht, weil die Exponate von dem einst blühenden jüdischen Leben in Schweich Zeugnis ablegen. Die gezeigten Gegenstände und Quellen erzählen jedoch auch von Verfolgung und Tod. Denn als sich der dunkle Schatten des Nationalsozialismus über Deutschland legte, wurden auch die jüdischen Bürger Schweichs aller Rechte beraubt, gedemütigt, vertrieben und viele von Ihnen ermordet. Den überlebenden Opfern eine Stimme geben und das Andenken an die Ermordeten wahren - dieses Anliegen veranlasste Euch, liebe Schülerinnen und Schüler des Dietrich Bonhoeffer-Gymnysiums, des offenen Jugendtreffs und der Levana-Schule, das Gespräch mit Zeitzeugen zu suchen. Die Aufzeichnungen der Interviews sind eindrucksvolle Dokumente, mit denen Ihr Euch dem Vergessen entgegengestellt habt. Sie bilden auch im eigentlichen Wortsinne das Herzstück der Ausstellung. Elie Wiesel, der Friedensnobelpreisträger und Überlebende von Auschwitz und Buchenwald, hat die besondere Bedeutung solcher Zeitzeugen-Befragungen hervorgehoben: "Jeder, der heute einem Zeugen zuhört", so Wiesel, " wird selber ein Zeuge werden." Eingedenk dieser Worte, möchte ich folgenden Appell anfügen:
Liebe Schülerinnen und Schüler, Ihr habt mit Eurem wichtigen Projekt den Staffelstab der Erinnerung in die Hände gelegt bekommen. Ich bitte Euch - gebt ihn weiter! Dank an dieser Stelle aber auch an die vielen Menschen, die sich als Zeitzeuginnen und Zeitzeugen in den Dienst dieser guten Sache gestellt haben und sich trotz oftmals sicher schmerzlicher Erinnerungen für Interviews zur Verfügung gestellt haben. Nach meinem Eindruck ist im Vorfeld der Ausstellung nicht nur inhaltlich, sondern auch konzeptionell etwas Wertvolles gelungen: Die gedeihliche Zusammenarbeit verschiedener gesellschaftlicher Gruppen wurde einmal mehr gestärkt. Die Stadt Schweich, die beiden Kirchen, verschiedene Bildungseinrichtungen, das Emil-Frank-Institut, die Deutsch-Israelische-Gesellschaft Trier und nicht zuletzt die Jüdische Kultusgemeinde Trier - sie alle haben in Kooperation mit dem Dekanat Schweich-Welschbillig die Ausarbeitung der Gedächtnisausstellung unterstützt und ermöglicht. Dieses Zusammenwirken hat den interreligiösen und gesellschaftlichen Dialog gefördert und die Ausstellung damit auf ein solides, von Verständigung geprägtes Fundament gestellt. Gedankt sei in diesem Zusammenhang auch für die Fördergelder aus dem Bundesprogramm "Vielfalt tut gut. Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie."

Verehrte Gäste,
das Ermutigende ist: Schweich ist kein Einzelfall. Andernorts mag das Engagement vielleicht etwas weniger umfassend sein als hier in Schweich, dennoch verdienen auch diese Bemühungen Lob und Anerkennung. So sind auch in anderen Städten und Kommunen in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten viele überzeugende Zeichen des Willens zur Versöhnung, des Eintretens gegen rechte Gewalt und zur Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit gesetzt worden. Von Bürgerinitiativen, die sich um die Instandsetzung eines jüdischen Friedhofs kümmern, über Schulklassen, die in ehemaligen Konzentrationslagern Unkraut jäten, bis hin zur Unterstützung durch Bund, Länder und Gemeinden beim Bau jüdischer Einrichtungen oder kultureller Projekte. Bei aller Sorge über die nach wie vor erschreckend hohe Zahl rechtsextremer Straftaten ist anzuerkennen, dass in Teilen der Gesellschaft tatsächlich ein gewandeltes Bewusstsein für die Vergangenheit und die Gefahren des Rechtsextremismus feststellbar ist. Erst am vergangenen Samstag haben einige hundert Bürger in Magdeburg ein Zeichen gegen den Rechtsextremismus gesetzt. Sie sind auf die Straße gegangen, um den Neonazis die Stirn zu bieten, die die Bombardierung Magdeburgs vor 65 Jahren durch die Alliierten für ihre braune Propaganda zu instrumentalisieren versuchen - eine Umdeutung und Relativierung der Vergangenheit, die dem Geiste einer verantwortungsvollen und demokratiebewussten Erinnerungskultur widerspricht. Das Engagement der Bürger in Magdeburg macht deutlich, wie sehr sich die Menschen in der Region gegen die Geschichtsrevisionisten zur Wehr setzen und wie sehr sie für eine menschlichere und tolerantere Gesellschaft eintreten. Überaus erfreulich ist zudem das in den vergangenen zwei Jahrzehnten stetig gewachsene gesellschaftliche Interesse für jüdische Kultur und Religion. Daran ist ablesbar: Die durch die Zuwanderung aus Osteuropa stark vergrößerte jüdische Gemeinschaft findet zunehmend ihren Platz in die Mitte der Gesellschaft. Inzwischen leben wieder rund 110.000 Juden in Deutschland, von denen die Mehrheit einer der 107 jüdischen Gemeinden angehört. Die zahlreichen neuen Synagogen und Gemeindezentren haben sich überall zu Publikumsmagneten entwickelt. Sie künden ebenso wie jüdische Bildungseinrichtungen, Geschäfte und Cafés davon, dass die Mehrheit der in Deutschland lebenden Juden längst nicht mehr auf den viel zitierten "gepackten Koffern" sitzt, sondern angekommen ist. Auch mein Vater und ich, die mit viel Glück die Jahre der Verfolgung überlebt hatten, spielten nach der Befreiung von der Naziherrschaft noch einige Zeit mit dem Gedanken auszuwandern und blieben dann doch. Eine Entscheidung, die ich in den zurückliegenden Jahrzehnten glücklicherweise nie bereuen musste. Gleichwohl es streckenweise schwer fiel, ein Heimatgefühl zu entwickeln. Zu gegenwärtig waren die Erlebnisse während des Nazi-Terrors, zu tief die Trauer über die Millionen qualvoll zu Tode gekommener Glaubensbrüder- und schwestern und zu groß die Fassungslosigkeit über die in Deutschland vorherrschende Weigerung, sich mit den begangenen Gräueltaten auseinanderzusetzen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
ja, inzwischen gibt es viel Engagement in diesem Land gegen das Vergessen. Ich sage bewusst "inzwischen", denn es dauerte Jahrzehnte, bis die Mauer des Schweigens und Verdrängens erste Risse bekam. Der bevorstehende Holocaust-Gedenktag sollte uns Anlass sein, um der Millionen ermordeter Opfer, aber auch dem Schicksal vieler Überlebender in den Jahrzehnten nach Kriegsende zu gedenken. Eine Problematik, der gemessen an dem fortdauernden seelischen und körperlichen Leid dieser Menschen viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Die Mehrheit der Holocaust-Überlebenden, die nach Kriegsende in ihre deutsche Heimat zurückkehrten, stand vor dem Nichts. Entwurzelt, traumatisiert und bestürzt über den Tod von Familienangehörigen und Freunden, fehlte vielen von ihnen einfach die Kraft, um Deutschland zu verlassen. Der zaghafte Neubeginn ging einher mit der schmerzhaften Erkenntnis, alles andere als willkommen zu sein. Als Überlebender wurde man von seinen Mitmenschen als eine Art lebende Mahnung betrachtet. Die deutsche Bevölkerung wollte jedoch nicht gemahnt werden, sondern schnell vergessen.
Deutlichster Ausdruck dafür war die offensichtliche Blindheit des deutschen Rechtswesens bei der Aufarbeitung des Nazi-Regimes. Großzügig sah die Gesellschaft über die Vergangenheit der einstigen Täter hinweg. Die Menschen im Nachkriegsdeutschland verdrängten die grausame Wahrheit über die von Deutschen begangenen Verbrechen. Sie redeten sich ein, mit spektakulären Verfahren wie den Nürnberger-Prozessen, den Auschwitz-Prozessen oder der Verurteilung einiger Nazi-Größen sei der Gerechtigkeit Genüge getan. Die aus den Konzentrationslagern und ihren Verstecken zurückgekehrten Opfer jedoch, die aus Gefängnissen befreiten oder ins Ausland geflüchteten Überlebenden des Holocaust mussten Jahrzehnte lang mit ansehen, wie die große Mehrheit ihrer einstigen Peiniger unbehelligt blieb. Vielen Opfern fiel es deshalb verständlicherweise schwer, Vertrauen in die junge deutsche Demokratie und den Rechtsstaat zu entwickeln. Diese stabile Mauer aus Schweigen und Scham geriet weder durch kluge Artikel, preisgekrönte Dokumentationen oder flammende Reden ins Wanken. Nichts davon setzte in der Bevölkerung eine Bewusstseinsänderung oder eine intensivere Beschäftigung mit dem Schicksal der Juden während der Nazi-Zeit in Gang. Spürbar aufrüttelnd wirkte im Grunde erst die Ausstrahlung des amerikanischen Fernseh-Vierteilers "Holocaust" im Oktober 1979. Zwischen 10 bis 15 Millionen Zuschauer pro Folge verfolgten damals die fiktive, aufwühlende Geschichte der Arztfamilie Weiß. Das war 1979 - also 34 Jahre nach Kriegsende und 30 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland. 30 Jahre, in denen das Leid und die Nöte der überlebenden Opfer im privaten wie öffentlichen Raum kaum wahrgenommen wurden. Die Mehrheit von ihnen zog sich irgendwann resigniert und enttäuscht zurück und versuchte, zu vergessen. Andere empfanden das Miteinander in den jüdischen Gemeinden als wichtigen Rückhalt und viele, besonders die Kinder der Überlebenden, verließen die schwierige, belastete Heimat Deutschland. Eine für die überalterten Gemeinden problematische, weil Existenz gefährdende Entwicklung; aus Sicht der Einzelnen jedoch ein nachvollziehbarer Schritt.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
dieser Hinweis auf die bewusste Nachlässigkeit der Nachkriegsjustiz und das Empfinden der Holocaust-Überlebenden erscheint mir aus aktuellem Anlass wichtig. Gemeint ist der zur Zeit im Strafjustizzentrum München stattfindende letzte große Shoah-Prozess gegen den so genannten "Schlächter von Sobibor". Das ostpolnische Lager war eines der grausamsten nationalsozialistischen Vernichtungsstätten. Über 250.000 Menschen jüdischen Glaubens sind hier systematisch ermordet worden. Seit Anfang Dezember wird nun gegen den 89-jährigen John Demjanjuk wegen Beihilfe zum Mord in 27.900 Fällen verhandelt. Besonders der Jugend wird dieser Prozess hoffentlich bewusst machen, dass auch über 60 Jahre zurückliegende Gräueltaten nicht vergessen werden dürfen. Mord verjährt nicht. Wir sind es den Opfern schuldig, das begangene Unrecht anzuprangern und die Täter, egal wie alt sie inzwischen sind, vor Gericht zu bringen. Hier geht es nicht um Strafe oder gar Rache. Wichtig allein ist es, die Schuld des Angeklagten festzustellen. Meine Hoffnung ist, dass Schüler und junge Erwachsene durch diesen Prozess für die damaligen geschichtlichen Zusammenhänge sensibilisiert werden. Die Verhandlung ist ein guter Anlass, um in den Schulen über die Folgen von Intoleranz und rechtextremen Vorurteilen zu sprechen und sich gemeinsam Gedanken über den Begriff der Rechtsstaatlichkeit zu machen.
Ein Vorschlag, mit dem ich bei den engagierten Lehrern und Schülern hier in Schweich wahrscheinlich offene Türen einrenne.

Verehrte Damen und Herren,
der 27. Januar, der Tag, an dem vor 65 Jahren das Vernichtungslager Auschwitz von Soldaten der Roten Armee befreit wurde, ist innerhalb der jüdischen Gemeinschaft weltweit ein Tag der Trauer und des Gedenkens. Aber auch ein Tag, an dem sich bange Gedanken und Ungewissheit einstellen. An diesem wie an anderen Gedenktagen treibt die wenigen noch lebenden Zeitzeugen der größten Menschheitskatastrophe immer die gleichen Fragen um: Werden die Millionen ermordeter Opfer womöglich bald vergessen sein? Welche Lehren werden künftige Generationen aus den Jahren des Nazi-Terrors ziehen? Inwieweit ist es gelungen, die Erinnerungen der Zeitzeugen an die Nachgeborenen weiterzugeben? Mit dieser Ausstellung und den hier in Schweich unternommenen Anstrengungen im Kampf gegen Rassismus, Diskriminierung und Antisemitismus geben Sie mir ein Gefühl der Zuversicht, für das ich Ihnen allen danken möchte. Denn es sind Orte wie Schweich, in denen engagierte Bürgerinnen und Bürger durch ihr Tun moralische Leuchttürme haben entstehen lassen. Leuchttürme, die weit ausstrahlende Orientierungssignale aussenden. Zeichen, die hoffentlich viele Menschen zur Nachahmung ermuntern und den von rechter Gewalt bedrohten Minderheiten helfen, Unsicherheit und Sorge zu überwinden. In diesem Sinne wünsche ich uns allen, dass die Gedächtnisausstellung hier in Schweich die Köpfe und Herzen vieler Menschen erreicht.

Ich danke Ihnen.
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© Dekanat Schweich-Welschbillig 2010
Gefördert im Rahmen
des Bundesprogramms

VIELFALT TUT GUT.
Jugend für Vielfalt, Toleranz
und Demokratie